Digitale Zukunft und Arbeit 4.0: Crowdworking als neues Beschäftigungsmodell

21.10.2019

Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft stecken in einer der größten Umbruchphasen der vergangenen Jahrzehnte. Die digitale Zukunft ist schon heute überwiegend Realität geworden. Disruptiv – so der einschlägige Begriff für das Aufbrechen von etwas bereits Etabliertem – ist das Zauberwort für neue Prozesse, die unter anderem im Kontext von Arbeit 4.0 entstehen und auf vielfältige Weise ineinandergreifen. Die zugrundeliegenden Mechanismen ganzheitlich zu erfassen, ist Ziel eines gemeinsamen Forschungsschwerpunktes der Universitäten Bielefeld und Bielefeld.

Im Kern geht es darum, die Digitalisierung der Arbeit umfassend aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Was dabei entsteht, ist ein Gesamtkonzept des digitalen Wandels für Unternehmen, Arbeitgeberinnen und -nehmer sowie für Selbstständige und Privatpersonen. Forschende unterschiedlicher Disziplinen wie der Informatik, der Soziologie, der Psychologie oder der Betriebswirtschaftslehre arbeiten interdisziplinär zusammen, um Gestaltungsmöglichkeiten zu identifizieren und neuartigen Entwicklungen wie etwa dem Crowdworking ein wissenschaftliches Fundament zu geben. Der Aufbau des Forschungsschwerpunktes „Digitale Zukunft“ wurde bereits 2017 vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Kunst und Wissenschaft mit zwei Millionen Euro unterstützt. 

Viel Flexibilität, wenig Sicherheit

Als neue Form der Arbeitsorganisation ist vor rund zehn Jahren das sogenannte Crowdworking in Deutschland entstanden. „Mithilfe eines offenen Aufrufs werden digitale Arbeitsaufgaben über Online-Plattformen an eine heterogene Gruppe vergeben“, weiß der Paderborner Informatiker Professor Dr. Gregor Engels, Sprecher des Forschungsschwerpunktes. Kleinere Aufträge wie Datenpflege, Texterstellung oder Designanfertigungen werden dabei am PC erledigt – häufig von zuhause aus. Das bedeute auf der einen Seite ein hohes Maß an Flexibilität, auf der anderen Seite aber auch wenig Sicherheiten, so Engels weiter. Feste Stundenlöhne und Bezahlungen nach Tarif seien in der Regel Mangelware.

Dr. Nicole Giard von der Universität Bielefeld koordiniert den Forschungsschwerpunkt. Foto: Universität Bielefeld

„Den typischen Crowdworker gibt es nicht“, sagt Dr. Nicole Giard, Koordinatorin des Schwerpunktes. In einer Umfrage haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herausrausgefunden, dass das Alter der Crowdworker in Deutschland größtenteils zwischen 26 und 45 Jahren liegt und die Ausübung meistens als Nebentätigkeit erfolgt. Giard räumt ein: „Es gilt allerdings zu bedenken, dass sich diese Form der Arbeit gerade erst in der Entstehungsphase befindet“.

Blaupausen für Wirtschaft und Industrie

Bei den Plattformen kommen auch datenschutzrechtliche Herausforderungen zum Tragen: „Einige Crowdworker sind anonym unterwegs, andere nicht. Außerdem gibt es ein Reputationssystem, mit dem die Qualität der abgelieferten Arbeit bewertet werden kann. Das sind sensible Daten, die eine adäquate Herangehensweise erfordern“, so Engels. Eine wichtige Forschungsfrage im Bereich der Informatik sei es deshalb, wie die Kommunikation auf diesen Marktplätzen insgesamt gestaltet werden kann. „Das ist ein großes Themenfeld, das wir derzeit intensiv bearbeiten. Der Austausch von Informationen und Daten zwischen Arbeitgeber und -nehmerin ist nicht trivial. Entsprechend wichtig ist es, eine von allen Seiten akzeptierte Ebene für Auftraggeber und Crowdworker zu finden“, erklärt der Experte.

Aktuell arbeiten die Forschenden daran, Anforderungen für eine sogenannte Referenzarchitektur zu ermitteln. Dazu Engels: „Diese interne Architektur soll neuen Plattformen helfen, auf Basis unserer Studien möglichst performante Strukturen zu schaffen. Wenn ich eine neue Plattform einrichten möchte, ist es hilfreich zu wissen, wie es bei bereits bestehenden und vor allem erfolgreichen Angeboten aussieht.“ Für Unternehmen eignen sich hybride Lösungen: „Crowdworking kann als Zusatz zu konventionellen Beschäftigungsmodellen eingesetzt werden. Je nach Bedarf und Auftragslage, kann ich bestimmte Arbeiten outsourcen.“ 

Das gemeinsame Projekt der beiden Universitäten hat große Strahlkraft: „Mit dem Forschungsschwerpunkt ‚Digitale Zukunft‘ wird die gesamte Region OWL als Innovationstreiber gestärkt. Durch anwendungsorientierte Grundlagenforschung werden nachhaltige Lösungen geschaffen und Blaupausen für Wirtschaft und Industrie erstellt“, ist sich Engels sicher.