Von Ideologieverbreitung bis Finanzierung: Wie extremistische Netzwerke operieren

30.01.2020

Zentrale Akteur*innen des Islamismus und der extremen Rechten nutzen ähnliche Strategien, um in sozialen Medien Unterstützung zu mobilisieren. Das ist eine Erkenntnis des Forschungsverbundes X-Sonar. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat den Verbund als Teil der zivilen Sicherheitsforschung gefördert. Über drei Jahre untersuchten Forschende, auf welche Weise radikal extremistische Gruppen online und offline Unterstützungsnetzwerke aufbauen, über die sie Menschen ansprechen und für ihre Ziele mobilisieren.

Die Forschenden arbeiteten Online-Inhalte und Täter*innenlebensläufe aus extremistischen Szenen auf, um künftig frühzeitige Intervention und Vorbeugung zu ermöglichen. Vertreter*innen aus Wissenschaft, Sicherheitsbehörden, Justiz und ziviler Präventionspraxis kommen am Donnerstag, 30. Januar, in Bielefeld zur Abschlusskonferenz des Projekts zusammen.

Im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld tauschen sich die Tagungsteilnehmer*innen über Erkenntnisse des Projekts aus. „Sowohl islamistische als auch rechtsextremistische Gruppen nutzen teilweise identische Strategien im Netz, um Aufmerksamkeit zu generieren und den extremistischen Diskurs zu normalisieren“, sagt Professor Dr. Andreas Zick vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. „So gelingt es ihnen, durch Kampagnen in den sozialen Medien zu polarisieren und solche Ideologien zu emotionalisieren, die anschlussfähig sind für nicht-extremistische Personen und Gruppen“, erklärt Zick. Der Sozialpsychologe leitet X-Sonar zusammen mit der Soziologin Dr. Kerstin Eppert, ebenfalls vom IKG.

Wie werden Dschihadist*innen und rechtsextreme Täter*innen radikal? Darum geht es im Verbundprojekt X-Sonar. Prof. Dr. Andreas Zick und Dr. Kerstin Eppert vom Institut für interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung leiten das Projekt. Foto: Universität Bielefeld

„Extremistische Gruppen nutzen soziale Medien sehr strategisch“, sagt Kerstin Eppert. „Allerdings ist die Verbreitung gewaltverherrlichender und rassistischer Botschaften nur ein Teil der Strategie. Ein ebenso wichtiger Teil ist die Erschließung von Ressourcen in den verdeckten und bekannten Unterstützungsnetzwerken“, so Eppert. „Damit meinen wir ein freies Angebot, sich in die Bewegung einzubringen, angepasst an die Möglichkeiten jeder und jedes Einzelnen.“ Die islamistischen und rechtsextremistischen Bewegungen zeichneten sich durch ihre „Arbeitsteilung“ aus, sagt Zick. „Extremistische Netzwerke funktionieren nicht nur als Radikalisierungsmaschinen, sie brauchen auch Unterstützung, sei es für die Verbreitung der Ideologie oder Beschaffung von Geldern.“

Erkennung von Onlinemobilisierung

Forschende aus sieben Standorten präsentieren auf der Konferenz ihre Erkenntnisse. Dabei zeigt zum Beispiel Kristin Weber von der Deutschen Hochschule der Polizei, wie sich deutsche Syrienreisende radikalisiert und welche Kommunikations- und Vernetzungswege sie dabei genutzt haben. Nils Böckler vom Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement hat mit Kolleg*innen Verhaltensmuster untersucht, die terroristische Attentäter in sozialen Onlinenetzwerken zeigen. „Attentäter kommunizieren vor einer Tat anders als radikalisierte Personen, die keine Gewalttat planen“, sagt Böckler. Das Internet sei ein Raum, in dem Eskalationsprozesse frühzeitig erkannt werden können.

Daher geht es dem Verbund auch um die Entwicklung von technisch-gestützter Erkennung extremistischer Onlinemobilisierung, die die Forschende wie auch Ermittelnde bei ihrer Arbeit unterstützen. „Mit solchen Methoden können Behörden wie auch Forschung sich einen Überblick verschaffen, ob eine Lage zu eskalieren droht, etwa indem sie bestimmte Twitter-Hashtags oder anlassbezogen relevante Facebook-Seiten im Blick behalten“, erklärt Alexander Gluba, der für das Landeskriminalamt Niedersachsen an X-Sonar mitarbeitet. Als Beispiel weist er auf die Angriffe von Rechtsextremen auf die lokale Bevölkerung und insbesondere Migrant*innen bei den Chemnitzer Ausschreitungen vom August 2018 hin. „Zu diesen Attacken ist heute bekannt, dass sich Rechtsextreme per Chat gezielt dafür verabredet haben.“

Neue Analysemethoden entwickelt

„Weil im Projekt Partner*innen aus technischen und Sozialwissenschaften zusammenarbeiten, konnten wir neue Analysemethoden entwickeln und zum Beispiel die Auswertung von Onlinedaten mit Erkenntnissen aus Gerichtsakten verbinden“, sagt Kerstin Eppert. So lasse sich unter anderem verstehen, wie extremistische Unterstützungsnetzwerke in der Gesellschaft eingebettet seien.

Der Forschungsverbund X-Sonar berichtet während der Konferenz unter anderem, wie islamistische Unterstützungsnetzwerke funktionieren. „Wir haben neue Erkenntnisse über die Strukturen und Ressourcen solcher Netzwerke“, sagt Eppert. „Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass die radikale salafistische Szene in Deutschland sich gerade neu organisiert. In den sozialen Onlinenetzwerken gibt es ein Geflecht verschiedener Onlineportale und Organisationen, deren Gewinne die salafistische Szene finanziell unterstützen.“ Durch die Unterstützungsnetzwerke werden auch Rückkehrer*innen aus den Gebieten des Islamischen Staats (IS) in der Szene gehalten, die als Verurteilte in deutschen Gefängnissen sind. „Insbesondere die laufenden Gerichtsverfahren von IS-Rückkehrer*innen werden dokumentiert. So soll das Feindbild ‚deutscher Staat‘ weiter aufrechterhalten werden.“ Gleichzeitig werden – vorgeblich aus Mitgefühl – Namen und Kontaktdetails von Verurteilten veröffentlicht, mit der Bitte, ihnen Briefe zu schreiben und sie psychisch zu unterstützen. „Damit wird massiver Druck auf potenzielle Aussteiger*innen ausgeübt“, so Eppert.

Der Forschungsverbund X-Sonar

Der Projektname X-Sonar steht für „Extremistische Bestrebungen in Social Media Netzwerken: Identifikation, Analyse und Management von Radikalisierungsprozessen“. Das BMBF förderte das Projekt seit 2017 mit drei Millionen Euro. Verbundpartner*innen sind neben dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung: die Deutsche Hochschule der Polizei (Münster), das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (Berlin), das Fraunhofer Institut für Sichere Informationstechnologie (Darmstadt), das Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement (Darmstadt), die Abteilung Kriminologische Forschung und Statistik des Landeskriminalamts Niedersachsen (Hannover) sowie das Landesinstitut für Präventives Handeln (St. Ingbert, Saarland).

Key players in radical Islamic and extreme right-wing groups make use of similar strategies to mobilize support on social media. The joint research project “X-Sonar” arrived at this finding. The Bundesministerium für Bildung und Forschung (Federal Ministry of Education and Research, BMBF) funded X-Sonar’s work as part of their funding line on civil security research. Over the past three years, X-Sonar researchers investigated the ways in which extremist groups build networks of support both online and offline. It is through these groups that they engage people and mobilize support for their aims. The researchers evaluated both online content and the biographies of convicted individuals who were active in extremist spheres in order to pave the way for early intervention and prevention in the future. 

The project’s closing conference brought together academic researchers, security authorities, justice officials and experts in civil prevention practices, who convened in Bielefeld on Thursday, 30 January, to attend X-Sonar’s closing conference.

How do jihadists and extreme right-wingers become radicalized? The X-Sonar joint research project is devoted to this question. X-Sonar is headed by Prof. Andreas Zick und Dr. Kerstin Eppert, both from the Institute for Interdisciplinary Research on Conflict and Violence (IKG). Photo: Bielefeld University

Conference participants discussed the findings of the project at Bielefeld University’s Zentrum für interdisziplinäre Forschung (Center for Interdisciplinary Research, ZiF). “Both radical Islamic and extreme right-wing groups use some of the same strategies online to attract attention and normalize extremist discourse,” says Professor Dr. Andreas Zick, of the Institut für Konflikt- und Gewaltforschung (Institue for Interdisciplinary Research on Conflict and Violence, IKG) at Bielefeld University. “By using social media campaigns that are accessible to non-extremist individuals and groups, extremists succeed in polarizing and emotionalizing these kinds of ideologies,” as Zick explains. Prof. Zick, a social psychologist, heads X-Sonar together with Dr. Kerstin Eppert, a sociologist who is also a member of the IKG.

“Extremist groups make very strategic use of social media,” says Dr. Eppert. “That said, spreading messages that glorify violence and promote racism is only part of the strategy. An equally important component includes making resources accessible in both covert and known networks of support,” explains Eppert. “By this, we are referring to an open invitation to join the movement – an invitation that is tailored to the means and abilities of each and every individual.” As Prof. Zick explains, radical Islamic and extreme right-wing movements are characterized by their ‘division of labor.’ “Extremist networks do not operate solely as engines of radicalization. They also require support, whether in disseminating ideology or acquiring funds.”

How Terrorists Behave in Online Networks

Researchers from seven different sites presented their findings at the conference. Kristin Weber, of the Deutsche Hochschule der Polizei (German Police University), for instance, discussed how German jihadis to Syria become radicalized, and which means of communication and methods of networking were used in doing so. Nils Böckler, of the Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement (Psychology and Threat Management Institute), investigated different patterns of behavior exhibited by terrorists in online social networks. “Before an attack, terrorists communicate differently than other radicalized individuals who are not planning to commit violence,” says Böckler.

According to Böckler, the Internet is a space in which the processes of escalation to violence can be detected early on. This is why X-Sonar was interested in developing technological methods for detecting extremist mobilization online in order to assist researchers as well as investigators in their work. “With methods like these, authorities and researchers alike can gain insight into whether a situation threatens to escalate – by monitoring certain Twitter hashtags or relevant Facebook pages, for instance,” explains Alexander Gluba, who works on X-Sonar together with the Landeskriminalamt Niedersachsen (Criminal Police Office of the Federal State of Lower Saxony). Gluba cites the example of the Chemnitz protests of August 2018, during which right-wing extremists attacked the local population, targeting primarily immigrants. “We now know that these attacks were coordinated by right-wing extremists in online chats.” 

Developing New Methods of Analysis  

“Because X-Sonar brought together project partners from tech and the social sciences, we were able to develop new methods of analysis, such as combining the analysis of online data with information from court records,” says Kerstin Eppert. This helps to shed light, for instance, on how extremist support networks are embedded in society. 

During the conference, the joint project X-Sonar presented its research on how radical Islamic networks operate, in addition to other topics. “We have new findings on the structures and resources of such networks,” says Eppert. “We were able to demonstrate, for example, that the radical Salafist scene in Germany is currently undergoing a process of reorganization. In social networks online, there is a web of portals and organizations whose proceeds provide financial support to the Salafist scene.”

It is also with these networks that individuals who returned from territory held by the Islamic State (IS) and are now serving time in German prisons are kept active in the Salafist scene. “These online networks document the on-going legal proceedings of IS-returnees, which helps maintain the image of Germany as the enemy state.” At the same time, the names and contact information of convicted IS-returnees are also published online – ostensibly out of compassion – to encourage people to write letters that will provide emotional support to convicts in prison. “This exerts a massive amount of pressure on individuals who might potentially leave the scene,” as Eppert explains.

The X-Sonar Joint Project

The project name “X-Sonar” stands for “Extremist Engagement in Social Media Networks: Identifying, Analyzing and Preventing Processes of Radicalization.” The BMBF funded the project since 2017 with a total of 3 million Euro. Additional project partners in addition to Bielefeld University’s IKG include the Deutsche Hochschule der Polizei in Münster (German Police University), the Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Berlin (German Research Center for Artificial Intelligence), the Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt (Psychology and Threat Management Institute), the Abteilung Kriminologische Forschung und Statistik des Landeskriminalamts Niedersachsen in Hannover (Department of Criminology Research and Statistics of the Criminal Police Office of the Federal State of Lower Saxony) and the Landesinstitut für Präventives Handeln in St. Ingbert, Saarland (State Institute for Preventative Action).

Further information:
Website of the joint research project X-Sonar