„Wir müssen zusammenhalten, indem wir Abstand voneinander halten“

20.03.2020

Um die Corona-Pandemie zu bewältigen, komme es auf die Bereitschaft jeder und jedes Einzelnen an, die Vorsichtsmaßnahmen gegen das Coronavirus einzuhalten. Das sagt der Epidemiologe Professor Dr. med. Oliver Razum von der Universität Bielefeld. Die Kooperation aller Bürger*innen sei auch deshalb entscheidend, weil in Deutschland drastische Maßnahmen wie in China kaum Akzeptanz finden würden. Wie Oliver Razum die aktuelle Lage sieht:

„Um die Wahrscheinlichkeit künftiger Epidemien zu verringern, müssen wir grundsätzlich über unsere Lebensweise nachdenken“, sagt Prof. Dr. med. Oliver Razum, Epidemiologe der Universität Bielefeld.

„Das Problematische am Coronavirus Covid-19 ist, dass Infizierte andere Menschen schon anstecken können, bevor sie Symptome haben. Das macht die Eindämmung so schwierig. Deswegen ist es so wichtig, dass auch die Menschen, die sich gesund fühlen, sich an Maßnahmen wie die Nies-Etikette halten. Es geht nicht nur um den Eigenschutz, sondern um den Schutz aller. Auf einen Impfstoff gegen Covid-19 können wir aktuell nicht bauen. Auch wenn es derzeit 30 Kandidaten-Impfstoffe gibt, wird es Monate dauern, bis ein sicherer Impfstoff entwickelt und für die massenhafte Impfung verfügbar ist.

Die sinkenden Fallzahlen in China zeigen, dass eine Kombination drastischer Maßnahmen des Social Distancing und der Quarantäne die Covid-Epidemie zum Stillstand bringen kann. In Deutschland werden ähnlich drastische Maßnahmen aber kaum Akzeptanz finden. Umso mehr kommt es auf die Bereitschaft jeder und jedes Einzelnen an, direkte Sozialkontakte auf das absolute Minimum zu reduzieren, die Hände von Augen und Nase fernzuhalten und nach dem Nachhausekommen oder bei der Ankunft am Arbeitsplatz gründlich mit Seife die Hände zu waschen. Desinfektionsmittel und Schutzmasken hingegen werden derzeit vor allem von den Risikogruppen sowie den medizinischen und pflegerischen Fachkräften gebraucht. Hier müssen die anderen solidarisch sein und diese Schutzmittel denen lassen, die sie momentan am dringendsten benötigen.

Covid-19 stellt uns vor eine paradoxe Herausforderung: Wir müssen zusammenhalten, indem wir Abstand voneinander halten. Das wird schwierig, besonders für Kinder und Jugendliche, aber auch für Menschen mit wenig Sozialkontakten. Wir müssen völlig neue Ideen entwickeln und die gemeinsame Bedrohung nutzen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

In der aktuellen Krise sollten wir auch das Positive sehen: Noch nie ist in so kurzer Zeit so viel solides Wissen zu einer neuen Krankheit produziert worden. Dank Wissenschaft und globaler Vernetzung kennen wir den Erreger, haben Tests, wissen um den Ausbreitungsmodus und wie man die Ausbreitung bremsen kann. In der Politik funktioniert die internationale Zusammenarbeit leider noch nicht so gut – sie könnte dahingehend viel von der Wissenschaft lernen.

Um die Wahrscheinlichkeit künftiger Epidemien zu verringern, müssen wir grundsätzlich über unsere Lebensweise nachdenken. Covid-19 ist wie viele andere Viruserkrankungen eine Zoonose, also eine Erkrankung, bei der ein Erreger von Nutz- oder Wildtieren auf Menschen überspringt. Eine wichtige Konsequenz ist daher, Fleischproduktion und Fleischkonsum drastisch zu reduzieren. Vielen Menschen, auch mir persönlich, wird das nicht leichtfallen. Doch es ist notwendig, zumal wir damit auch dringend notwendige Beiträge zum Schutz der Ökosysteme und des Klimas leisten.“

Professor Dr. med. Oliver Razum leitet die Arbeitsgruppe „Epidemiologie & International Public Health“ der Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Welche Aufgaben und Ziele die Epidemiologie verfolgt, hat er laienverständlich als einer der Autoren des Buchs „Epidemiologie Für Dummies“ aufgeschrieben. Über die Corona-Krise und wie sich diese mit früheren Epidemien vergleichen lässt, sprechen er und die Medizinhistorikerin Julia Engelschalt in der aktuellen Folge des Podcasts „Praktisch-Theoretisch“ des Sonderforschungsbereich „Praktiken des Vergleichens“ der Universität Bielefeld.

Aufgezeichnet von Jörg Heeren