„Antibiotikaresistente Keime werden uns ähnlich große Sorgen bereiten wie SARS-CoV-2“

17.04.2020

Die derzeitige Pandemie zeigt, wie wichtig die experimentelle Forschung für die Medizin ist. Die Ausbreitungsmechanismen von Krankheitserregern wie SARS-CoV-2 lassen sich nur auf molekularer Ebene verstehen und bekämpfen. Das sagt der Biophysiker Professor Dr. Thomas Huser. Er forscht an biomedizinischen Anwendungen der Photonik und entwickelt Nanomikroskope, mit denen sich der direkte Übertragungsweg von viren-infizierten Zellen auf gesunde Zellen darstellen lässt. Wie Thomas Huser die aktuelle Lage sieht:

„Im Moment sieht es so aus, als ob die Sterblichkeit bei Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 höher ist als bei anderen viralen Infektionen der Atemwege, zum Beispiel durch Grippe-Viren. Allerdings werden auch diese Zahlen laufend revidiert und nach neuesten Informationen ist die Sterblichkeit wohl doch nicht etwa 20-mal höher als bei der bekannten Grippe, sondern etwas geringer, aber immer noch deutlich höher als bei den bekannten Grippe-Viren. Diese Zahlen hängen allerdings davon ab, dass alle SARS-CoV-2-Infektionen tatsächlich nachgewiesen und registriert werden. Momentan sieht es jedoch so aus, als ob ein Teil der Infizierten keine oder nur schwache Symptome aufweist. Falls bei diesen Personen kein Test durchgeführt wurde, sind sie nicht Teil der Statistik.

Besserer Schutz von Nichtrauchern, stärkere Impf-Quote: „Meine große Hoffnung ist, dass die derzeitige Krise zu einem Umdenken in unserer Gesellschaft führt“, sagt der Biophysiker Prof. Dr. Thomas Huser. Foto: Universität Bielefeld

Ein weiteres Problem ist, dass es nach derzeitiger Information so aussieht, als ob das Virus nicht nur durch die Luft übertragen wird, sondern auch längere Zeit auf Oberflächen überleben kann – Menschen können sich also auch auf diese Weise unwissentlich infizieren. Die Übertragung durch die die Luft und durch Schmierinfektionen macht die Forschung an SARS-CoV-2 deutlich gefährlicher als zum Beispiel die Arbeit an HIV-1, wie sie in meiner Gruppe schon vor geraumer Zeit durchgeführt wurde. HIV-1 infiziert nur dann, wenn es direkt in erhöhter Konzentration ins Blut gelangt.

Das neue Coronavirus führt uns unsere Verwundbarkeit durch die großen Einschränkungen, die die Politik zur Vermeidung der Ausbreitung des Virus erlassen hat, besonders vor Augen. Doch wir sollten nicht vergessen, dass wir auf weiteren Gebieten vor ähnlich großen Herausforderungen stehen. Ein gewaltiges Problem ist das vermehrte Auftreten von antibiotikaresistenten Keimen. Es gibt derzeit nur noch eine verschwindend kleine Zahl von Antibiotika, die als letztes Mittel der Wahl herhalten müssen, falls kein anderes mehr wirkt. Sobald diese jedoch auch nicht mehr wirksam sind, werden uns diese Keime ähnlich große Sorgen bereiten wie SARS-CoV-2.

Meine große Hoffnung ist, dass die derzeitige Krise zu einem Umdenken in unserer Gesellschaft führt. Ich war als Fünfjähriger an Tuberkulose erkrankt und habe nur aufgrund von Antibiotika überlebt. Zur Behandlung musste ich ein ganzes Jahr weg von meinen Eltern in ein Heim. Ich habe kein Verständnis dafür, wenn Menschen ihre Lunge durch Rauchen bewusst schädigen und ihre Mitmenschen dem Passivrauchen aussetzen. Gerade bei Raucher*innen kommt es bei SARS-CoV-2 zu einem schweren Krankheitsverlauf. Ich hoffe, dass die jetzige Krise dazu führt, dass das Rauchen aus gesellschaftlicher Sicht, notfalls auch gesetzlicher Sicht noch stärker eingeschränkt wird. Ich hoffe ebenfalls, dass die in Deutschland zunehmende Impfmüdigkeit durch diese Krise umgekehrt wird. Gegen das neue Corona-Virus gibt es ja noch keine Schutzimpfung – aber sobald diese vorliegt, empfehle ich jeder und jedem, sich impfen zu lassen.

Wir als Experimentalphysiker*innen können in dieser akuten Situation mit unserer Forschung leider nicht viel ausrichten. Langfristig könnte aber durch die Methoden, die von uns entwickelt werden, der genaue Übertragungsweg des Virus besser untersucht und verstanden werden. Das könnte wiederum neue Ansätze zur Bekämpfung des nächsten Corona- oder Grippe-Virus liefern. Solche Forschung muss interdisziplinär und experimentell sein.

Die derzeitige Pandemie sollte uns vor Augen führen, wie wichtig die experimentelle Forschung für die Medizin ist. Die Ausbreitungsmechanismen von SARS-CoV-2 und verwandter Viren lassen sich langfristig nur auf molekularer Ebene verstehen und bekämpfen. Nur dank junger naturwissenschaftlicher Methoden wie der schnellen Gen- und Protein-Sequenzierung ist es uns heute überhaupt möglich, schon relativ früh nach dem Auftreten eines neuen Krankheitserregers Tests zu möglichen Infektionen durchzuführen. Diese Methoden sind absolut notwendig, weil sie uns ein Verständnis von Infektionen auf molekularer Ebene ermöglichen. Uns können jederzeit neue Gefahren durch Krankheitserreger drohen. Nur wenn wir moderne naturwissenschaftliche Methoden weiterentwickeln und erforschen, haben wir eine Chance, schneller auf mögliche neue Epidemien zu reagieren.“

Professor Dr. Thomas Huser leitet die Arbeitsgruppe Biomolekulare Photonik an der Fakultät für Physik. Die Arbeitsgruppe entwickelt unter anderem höchstauflösende Mikroskope, mit denen es möglich ist, Strukturen in Körperzellen sichtbar zu machen und zu untersuchen, die herkömmliche optische Mikroskope nicht darstellen können. Seit mehr als einem Jahrzehnt untersucht Huser nanomikroskopisch, wie sich HI-Viren von Zelle zu Zelle ausbreiten.

Aufgezeichnet von Jörg Heeren