„Katastrophen und Krisen machen historisch gewachsene soziale Ungleichheit sichtbar“

02.06.2020

Diskriminierte Bevölkerungsgruppen leiden stärker unter der Corona-Pandemie als andere Gruppen der Gesellschaft, sagt die Historikerin Professorin Dr. Eleonora Rohland von der Universität Bielefeld. Mit Hinweis auf frühere Epidemien erinnert sie zudem daran, dass auch in der Vergangenheit Epidemien oder Naturkatastrophen verleugnet oder heruntergespielt wurden, um die Wirtschaft zu schützen. Wie Eleonora Rohland die aktuelle Lage einschätzt:

„Die historische Katastrophenforschung zeigt, dass weder Epidemien noch Naturkatastrophen alle Menschen gleich stark treffen. Bestimmte Bevölkerungsgruppen leiden ungleich stärker unter solchen Ereignissen. Oft sind Frauen stärker betroffen als Männer, oft ethnische Minderheiten, Geflüchtete und ebenso People of Color – also Menschen, die Rassismus erfahren. Hier gilt, was der Anthropologe Tony Oliver-Smith als „Crise Revelatrice“ bezeichnet hat: Katastrophen und Krisen machen historisch gewachsene soziale Ungleichheit sichtbar.

Die Historikerin Prof.’in Dr. Eleonora Rohland empfiehlt, den wirtschaftlichen Wiederaufbau auch zu nutzen, um die Situation diskriminierter Bevölkerungsgruppen zu verbessern. Foto: Universität Bielefeld/M.-D. Müller

Das ist auch in der Corona-Krise der Fall. Medien berichteten, dass in England und den USA übermäßig viele People of Color mit Sars-CoV-2 infiziert sind. Die Schieflage der Betroffenenzahlen hängt damit zusammen, dass diese Bevölkerungsgruppe systematisch benachteiligt ist – zum Beispiel im Zugang zu qualifizierten Arbeitsstellen, dem Gesundheitssystem oder angemessenem Wohnraum. Das macht People of Color indirekt für ansteckende Krankheiten besonders verwundbar.

Solche Zusammenhänge lassen sich für andere Katastrophen feststellen. Das ist ein Thema, das ich in meinem Buch zu 300 Jahren Hurrikan-Katastrophen in New Orleans in mehreren Kapiteln behandle. Das Wissen über die Folgen der Pandemie für ohnehin schon diskriminierte Bevölkerungsgruppen sollte beim wirtschaftlichen Wiederaufbau, idealerweise berücksichtigt werden – mit dem Ziel, die diskriminierenden Strukturen aufzubrechen.

Auch wenn es schwierig ist, historische Prozessverläufe direkt mit heutigen zu vergleichen, da viele gesellschaftliche und Umweltbedingungen vollkommen anders waren als heute, können wir dennoch ähnliche Elemente ausmachen.

Sowohl die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 als auch die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pestwellen sind in den vergangenen Wochen in den Medien zum Vergleich mit der Corona-Pandemie herangezogen worden. Diese Beispiele zeigen: Drastische Einschränkungen des öffentlichen Lebens sind keine Erfindungen der Gegenwart. Sie sind altbewährte Strategien, die im Laufe der langen europäischen Seuchengeschichte gelernt und immer wieder eingesetzt wurden.

Ich möchte auf ein weiteres, bekanntes Element aus der Geschichte hinweisen: Das Verleugnen, Verdrängen oder Herunterspielen einer Epidemie oder Naturkatastrophe, um die Wirtschaft zu schützen. Dieses Phänomen sehen wir es derzeit in Großbritannien, den USA und Brasilien. Ein historisches Beispiel sind die verheerenden Gelbfieberepidemien, die die Stadt New Orleans ab 1796 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig heimsuchten. Die wirtschaftliche Elite der Stadt, die Einfluss auf die Zeitungen hatte, versuchte Berichte über die Epidemie, so lange es ging, zu unterdrücken oder kleinzureden, um ein Erliegen der Wirtschaft zu verhindern.

Aus der Geschichte lernen wir auch, dass Epidemien und Umweltkrisen oft verbunden sind. Auf Hunger und Tierseuchen folgten in der Vormoderne rasch auch Epidemien unter den Menschen. Das zeigen Befunde der Klimageschichte. Diese Forschung rekonstruiert klimatische Schwankungen aus historischen Daten und kann so frühere Hungersnöte und Tierseuchen erklären.

Auch für die Pest konnte mittlerweile ein Zusammenhang mit Klimaextremen hergestellt werden und zwar über die Ratten. Die historische Pestforschung hat gezeigt, dass der Pesterreger Yersinia pestis durch Rattenflöhe übertragen wird. Damit diese von Ratten auf den Menschen überspringen, muss jedoch vorher ein Ereignis die Ratten hinwegraffen. Geschichtliche Quellen belegen in der Tat ein solches Rattensterben vor dem Pestausbruch von Marseille 1722. Dieses Rattensterben wird mittlerweile mit als Folge klimatischer Schwankungen der Vergangenheit gesehen.

Bei Corona lässt sich – noch? – keine direkte Verbindung zum Klima oder zur Klimakrise herstellen. Wohl spielt aber die Umweltzerstörung eine Rolle. Menschen dringen zunehmend in bisher ungestörte Lebensräume von Tieren ein. Durch dieses Aufeinandertreffen von Mensch und Tier kann ein eigentlich tierischer Erreger auf den Menschen überspringen – mit katastrophalen Folgen für den Menschen, wie die Beispiele HIV, Ebola, und jetzt eben Covid-19 zeigen.

Professorin Dr. Eleonora Rohland forscht an der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie zur Verflechtungsgeschichte der Amerikas in der Vormoderne. Sie leitet das Center for InterAmerican Studies (CIAS) an der Universität Bielefeld. Gemeinsam mit Kolleg*innen aus Biologie und Physik hat sie 2019 die Lectures for Future Bielefeld ins Leben gerufen. Sie ist Mit-Koordinatorin der Forschergruppe „Coping with Environmental Crises“ am Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies (CALAS). In ihrem Buch „Changes in the Air“ erklärt sie, wie die Gesellschaft der Stadt New Orleans sich über 300 Jahre hinweg an die wiederkehrenden Hurrikan-Katastrophen anpasste.

Aufgezeichnet von Jörg Heeren