Europäische Regionen jenseits der Metropolen rücken zusammen

09.06.2020

Die Universität Bielefeld bewirbt sich, zusammen mit fünf weiteren Hochschulen, um den Titel „Europäische Hochschule“. Im Juli soll die Entscheidung fallen. Im Interview erklärt Professorin Angelika Epple, die Prorektorin für Internationales und Diversität, die Hintergründe.

Was ist die Europäische Hochschule?

Die Europäische Hochschule ist eine Initiative, die auf Macron’s Europa-Rede von 2017 zurückgeht. Die Zielvorstellung des französischen Präsidenten war es, bis 2024 mindestens 20 sogenannte Europäische Hochschulen zu gründen, welche Orte pädagogischer Neuerung und exzellenter Forschung sein sollten. Er stellte sich darunter Netzwerke von Hochschulen aus mehreren Ländern Europas vor, die gemeinsam einen Studienverlauf anbieten, in dem jede*r Studierende flexibel und problemlos im Ausland studieren kann. Ende Februar hat sich die Universität Bielefeld mit einem Konsortium im zweiten EU-call beworben.

Wer sind unsere Partner?

Wir haben uns in einem dynamischen Netzwerk namens NEOLAiA (griechisch: ‚junges Team‘) zusammengefunden. Wir sind eine junge, forschungsstarke Allianz, die gemeinsam für europäische Werte eintritt, sich zu interdisziplinärer und innovativer Forschung und Lehre mit gesellschaftsrelevantem Anspruch verpflichtet und sich gemeinsam den Herausforderungen der globalisierten Welt stellt. Mit von der Partie sind Šiauliai State College (Litauen), “Ştefan cel Mare” University of Suceava (Rumänien), University of Crete (Griechenland), University of Jaén (Spanien) und University of Ostrava (Tschechien).

Warum haben wir uns beworben?

NEOLAiA ergänzt unsere bestehenden Kooperationen in und außerhalb Europas hervorragend. Gerade weil es sich um junge Universitäten handelt, sind innovative Formate und Themen in der Lehre, aber auch in der Forschung schnell umzusetzen. Digitalisierung, Inklusion und Diversität, aber auch „health care“ und Fragen der Nachhaltigkeit sind z.B. Themenfelder, die wir in der gemeinsamen Lehre behandeln wollen. So stärken wir unser Universität, die Stadt Bielefeld sowie die Wirtschaftsregion Ostwestfalen-Lippe. Die Zusammenarbeit mit der Stadt Bielefeld in diesem europäischen Vorhaben wurde uns vom Oberbürgermeister zugesichert.

Was ist die Stärke unserer Bewerbung?

Unsere nachhaltige Mission und die Menschen, die unsere Vision mit Leben füllen! Europa besteht nicht nur aus Hauptstädten. Unsere Mission besteht darin, die europäischen Regionen jenseits der Metropolen enger zusammenrücken zu lassen. Die Ziele des NEOLAiA-Netzwerkes sind: die Regionen und ihre Bürger zu stärken, um Populismus zu verhindern, Inklusion und Diversität zu fördern, um verborgene Talente zu entdecken, Digital Natives zu unterstützen, um die Regionen Europas zu vernetzen, die Demokratie zu stärken und unsere Studierenden zu befähigen, globale Herausforderungen zu meistern.

Worin besteht der Bielefelder Beitrag?

Wir haben vor, eine „Diversity Policy“ als theoretischen Rahmen für gemeinsame Werte zu etablieren und eine NEOLAiA-Anti-Diskriminierungskampagne zu lancieren. Mit der UniMaps App wollen wir für eine barrierefreie Navigation an allen Standorten der Allianz sorgen und somit die Auslandsmobilität von Menschen mit physischen Behinderungen fördern. Die Implementierung von Sandy NEO, einem virtuellen Assistenten, soll eine 24/7-Hilfestellung für die Herausforderungen des Universitätsalltags auf allen Campus leisten. Zudem ist der Aufbau eines Joint Degrees „Diversity & Inclusion studies“ geplant.

Was macht das Netzwerk aktuell?

Gerade in Corona-Zeiten wird der europäische Zusammenhalt auf eine Bewährungsprobe gestellt. Es freut mich daher, dass wir auf einem guten Weg sind und eine gemeinsame Reihe von Online-Seminaren planen, um über die Situationen, Herausforderungen und Erfahrungen mit der Pandemie in den einzelnen europäischen Ländern zu informieren und zu diskutieren. Im Austausch zu bleiben und sich gegenseitig zu unterstützen ist aktuell besonders wichtig. Und unabhängig davon, ob wir als europäische Universität erfolgreich sein werden oder nicht: Das NEOLAiA-Netzwerk wird weitere Früchte der Zusammenarbeit tragen!

Was bedeutet Europa für Sie, Ihre Arbeit?

Wir können die heutigen globalen Herausforderungen nicht lokal oder national lösen. Kosmopolitin, Europäerin, Wahl-Ostwestfälin zu sein und mich für das Wohl der deutschen Gesellschaft zu engagieren, sind für mich keine Gegensätze, sondern gehören zusammen. In Zeiten von COVID-19, in denen viele Staaten in Europa nach Einzellösungen suchen und nationalistische Gesinnungen aufkeimen, bin ich zutiefst beunruhigt. Deshalb möchte ich dazu beitragen, die Bedeutung und die Vorteile Europas zu unterstreichen. In NEOLAiA leben wir ein Stück Europa: Wir sind von der Freiheit der Wissenschaft und der Lehre überzeugt, wir wünschen uns kritische Diskurse, wir streiten konstruktiv, wir bemühen uns gemeinsam darum, Geld einzuwerben und geben es danach gemeinsam aus. Was will man mehr?