„Das Thema digitale Lehre hat in diesem Semester enorm an Schubkraft gewonnen“

15.07.2020

Die plötzliche Umstellung auf digitale Lehr- und Lernformate aufgrund der Coronapandemie hat sowohl Studierende als auch Lehrende vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Um herauszufinden, wie beide Gruppen mit der neuen Situation zurechtkommen und wo mögliche Bedarfe bestehen, hat der Bereich Studium und Lehre im Mai und Juni eine Befragung aller Studierenden und Lehrenden der Universität Bielefeld zum laufenden Onlinesemester durchgeführt. An der Umfrage haben sich rund 4.000 Studierende und über 600 Lehrende beteiligt – darunter etwa die Hälfte aller Professor*innen der Universität Bielefeld. Im Interview berichtet Professorin Dr. Birgit Lütje-Klose, Prorektorin für Studium und Lehre, von den Ergebnissen.

Frau Lütje-Klose, worum ging es Ihnen bei der Befragung?  

Prof’in Birgit Lütje-Klose: Die Umstellung auf die digitale Lehre erfolgte sehr plötzlich, quasi aus dem Stand. Wir haben uns daher bewusst dazu entschieden, noch während des Semesters beide Gruppen – sowohl Studierende als auch Lehrende – zu fragen, wie sie mit der neuen Situation zurechtkommen. Dabei hat uns beispielsweise interessiert, wie der Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden ohne Präsenz funktioniert und wie es Studierenden gelingt, ihren Studienalltag von Zuhause zu organisieren. Unser Ziel war es herauszufinden, wo es noch Unterstützungsbedarf an Weiterbildung oder Ausstattung gibt. Aber auch langfristig versprechen wir uns von den Ergebnissen der Befragungen Erkenntnisse über das digitale Lehren und Lernen nach der Corona-Krise. Die hohe Resonanz – insbesondere unter den Lehrenden – hat gezeigt, wie groß das Interesse am Thema digitale Lehre ist.

Prof’in Dr. Birgit Lütje-Klose, Prorektorin für Studium und Lehre. Foto: Universität Bielefeld

Jetzt, kurz vor Ende des Semesters, liegen die ersten Ergebnisse vor. Wie war es denn nun für Studierende und Lehrende, dieses ungewöhnliche Semester?

Lütje-Klose: Insgesamt war ich sehr positiv beeindruckt, wie gut die überwiegende Zahl der Studierenden und Lehrenden die Herausforderung angenommen und wie flexibel beide Seiten auf die neue Situation der digitalen Lehre reagiert haben. Ein ganz zentrales Ergebnis aus der Studierendenbefragung war, dass der Großteil der von den Studierenden fürs Sommersemester geplanten Veranstaltungen stattgefunden hat und sie auch daran teilnehmen konnten. Rund zwei Drittel der Studierenden waren zufrieden mit dem Kontakt zu den Lehrenden und konnten mit den bereitgestellten Lernmaterialien gut arbeiten. Das ist nicht selbstverständlich, sondern – neben den technischen Voraussetzungen wie dem Zugang zu Geräten – vor allem dem großen Engagement der Lehrenden zu verdanken. Denn eins ist klar: die Umstellung von Präsenzlehre auf digitale Formate bedeutet viel Arbeit. So geben Lehrende wie Studierende gleichermaßen an, die Arbeitsbelastung und der aufgebrachte Zeitaufwand habe sich in diesem Onlinesemester deutlich erhöht.

Wie konnten Hochschulleitung und Serviceeinheiten Lehrende und Studierende unterstützen?

Lütje-Klose: Der Hochschulleitung war es von Beginn der Pandemie wichtig, Lehrende und Studierende möglichst umfassend und transparent über die Auswirkungen auf den Lehr- und Studienbetrieb zu informieren. Tatsächlich gibt der Großteil der Studierenden und Lehrenden an, sich durch die Universität Bielefeld immer gut über die aktuelle Situation informiert gefühlt zu haben. Besonders die frühe Entscheidung über das Onlinesemester wurde positiv bewertet. Ganz entscheidend für die Umsetzung der digitalen Lehre war die schnelle Bereitstellung der Online-Tools, unter anderem die campusweite Lizenz für die Webkonferenz-Anwendung Zoom. Viele Lehrende haben die von der Universität angebotenen Möglichkeiten zur digitalen Lehre und zur digitalen Dateiablage – zum Beispiel über den Lernraum – genutzt. In den Angaben zum Umgang mit den verschiedenen Tools stecken wertvolle Hinweise, die nun für deren Weiterentwicklung aufgegriffen werden.

Und wo lagen bei Lehrenden und Studierenden die größten Schwierigkeiten?

Lütje-Klose: Inherausfordernden Situationen ist es wichtig, sich mit anderen – Kolleg*innen bzw. Kommiliton*innen – persönlich austauschen zu können. Dies ist im Vergleich zur Präsenzlehre im Seminarraum digital nur bedingt möglich. Viele Lehrende haben rückgemeldet, ihnen fehle die Interaktion mit den Studierenden. Besonders bei großen Veranstaltungen mit vielen Teilnehmer*innen hat sich gezeigt, dass nicht alle Studierende ihre Kamera einschalten, da sie Bedenken bezüglich des Datenschutzes oder der Wahrung ihrer Privatsphäre haben. Das ist verständlich, aber für die Lehrenden ist die ausbleibende Resonanz mitunter mit Unsicherheit und Frustration verbunden. Auch gab es großen Bedarf nach transparenten und einheitlichen Regelungen für digitale Prüfungen. Dafür war es notwendig, zunächst viele technische und rechtliche Fragen zu klären. Zuletzt hat uns natürlich auch die persönliche Situation der Studierenden beschäftigt – etwa der dringende Wunsch nach mehr Kontakt zu Kommiliton*innen oder einem ruhigen Ort zum Arbeiten. Dem wollen wir durch mehr Präsenzangebote insbesondere für Erstsemester und Zweitsemester im kommenden Wintersemester, durch zusätzliche Peer-Angebote und einer Wiederöffnung studentischer Arbeitsplätze unter anderem in der Bibliothek begegnen.

Welche Erwartungen haben Lehrende und Studierende an das kommende Semester?

Lütje-Klose: Sowohl Lehrende als auch Studierende wünschen sich für das kommende Semester so viel Normalität wie möglich. Studierende wollen wie sonst Veranstaltungen und Prüfungsleistungen erbringen können. Auch Lehrende haben den Wunsch geäußert, zumindest Teile der Lehre wieder in den Hörsaal verlagern zu können. Dies soll vor allem durch hybride Formen gelingen, also einem Wechsel von Präsenz- und Onlinephasen. Lehrende können im kommenden Semester auf den ersten Erfahrungen in der Online-Lehre aufbauen und sich gegenseitig mehr unterstützen. Auch können sie durch die Bildung von Arbeitsgruppen zu mehr Kontakt unter den Studierenden beitragen. Natürlich versprechen sich Lehrende auch von der Hochschulleitung weiterhin Unterstützung – zum Beispiel, indem Technik bereitgestellt und der Aufwand für eine gute digitale Lehre anerkannt wird.

Wie wird es an der Universität Bielefeld langfristig mit der Digitalisierung der Lehre weitergehen?

Lütje-Klose: Anfang des Jahres hat sich die Universität Bielefeld zum Thema „Studium und Lehre im digitalen Wandel“ vom Hochschulforum Digitalisierung strategisch begleiten lassen. Hier zeigte sich, dass wir mit zwei Schwerpunkten auf dem richtigen Weg sind. Zum einen wollen wir die digitalen Kompetenzen der Studierenden fördern, zum anderen lernförderliches digitales Lehren und Lernen weiter voranbringen. So bauen wir aktuell zum Beispiel ein Online-Portal zu Digitaler Lehre auf und fördern Projekte von Lehrenden in diesem Bereich. In diesem Semester hat das Thema digitale Lehre enorm an Schubkraft gewonnen und es hat uns zwei Dinge sehr deutlich gemacht: Wie digitale Elemente unterstützend eingesetzt werden können, aber auch wie wertvoll Präsenz ist. Für die Zukunft hält es jede*r zweite Lehrende es für sehr wahrscheinlich, mehr digitale Lehrformate ergänzend zur Präsenzlehre einzusetzen. Umso wichtiger ist es nun für uns, dass Studierenden und Lehrenden ihre Erwartungen an die digitale Lehre miteinander austauschen. Wir wollen das bestehende Living Document zur Teilnahme an Lehrveranstaltungen daher in diese Richtung weiterentwickeln.

Alle Ergebnisse der Studierendenbefragung sind hier, die der Lehrendenbefragung hier zu finden.