Vorabveröffentlichung aus BI.research: Vorwärts ins Mittelalter

19.10.2020

Weiß, männlich, milliardenschwer – in lateinamerikanischen Staaten sieht die politische Elite immer seltener aus wie die Bürger*innen in den Ländern. Dafür ähneln die Mächtigen denen im reichen Nordamerika. Geschichtswissenschaftler Olaf Kaltmeier beschreibt diese neue, alte politische Kultur in seinem aktuellen Essay als Refeudalisierung und Rechtsruck.

Stellen Sie sich mal ein Lateinamerika vor, wo so viele Frauen Präsidentinnen, Parlamentarierinnen und Richterinnen sind wie in keiner anderen Weltregion. Wo Staatschefs vorher Busfahrer, Bauern oder Stahlarbeiter waren. Wo eine indigene Herkunft kein Nachteil ist. Wo Sozialprogramme Millionen Menschen aus der absoluten Armut heben und lesen lernen lassen. Wo Regierungen Umweltschutz mit wirtschaftlichen Interessen vereinbaren wollen.

Klingt utopisch? Das war in den vergangenen 30 Jahren aber Realität: in Argentinien, Bolivien und Chile, in Brasilien oder Ecuador, in El Salvador, Nicaragua, Paraguay, Mexiko, Venezuela und Uruguay und, wenn die Karibikstaaten dazugezählt werden, in Kuba und der Dominikanischen Republik.

Protestbewegungen Lateinamerikas reichen bis nach Bielefeld: Olaf Kaltmeier vor einer Reproduktion des Chile-Wandbildes in der Uni-Halle. Das Original istderzeit wegen der Bauarbeiten im Hauptgebäude hinter einer Schutzwand ver-borgen. Es wurde 1976 heimlich von Exilchilen*innen angebracht – aus Protestgegen die damalige Pinochet-Diktatur. Foto: Universität Bielefeld/M.-D. Müller

Soziale Ungleichheit als Ursache für Krisen

Heute erscheinen viele dieser Staaten weniger vorbildlich und demokratisch. Wir sehen den Amazonaswald brennen, Protestierende auf Chiles Straßen sterben, Millionen aus Venezuela fliehen. In der Corona-Pandemie wird deutlich, wie unterfinanziert das öffentliche Gesundheitswesen in der Weltregion ist. In Lateinamerika und der Karibik gibt es laut der Nachrichtenagentur AFP mehr als 300.000 registrierte Todesopfer der Pandemie, davon rund 130.000 in Brasilien (Anfang September 2020). Wähler*innen bringen einen Typus in Ämter, mit dem sich politische Kultur und Moral wandeln.

Refeudalisierung nennt Professor Dr. Olaf Kaltmeier diese Verschiebung. Der Historiker forscht am Center for InterAmerican Studies (CIAS) der Universität Bielefeld und ist Direktor des Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies (CALAS). Er betont im Gespräch mit BI.research, dass sich der Prozess nicht nur innerhalb von lateinamerikanischen Gesellschaften abspielt, sondern weltweit. Insbesondere sehen wir Refeudalisierung ihm zufolge auch zwischen den Amerikas: auf der einen Seite der reiche Norden, auf der anderen das ärmere Mittel- und Südamerika, dazwischen Abschottung.

Gesellschaften sind extrem polarisiert

Der Begriff offenbart das soziale Grauen des Mittelalters: Schon der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas und der deutsche Soziologe Sighard Neckel benutzten „Refeudalisierung“ für die Folgen des Turbokapitalismus in unserem Jahrhundert – wegen Parallelen zum Feudalismus, der Gesellschafts- und Wirtschaftsform bis zur Aufklärung und Französischen Revolution in Europa.

Der Sozialwissenschaftler Kaltmeier beschreibt mit Refeudalisierung verschiedene Dimensionen einer „extremen sozialen Polarisierung“. Eine Dimension ist die Verteilung von Besitz: Im Mittelalter gehörten wenigen Feudalherren Land und Untertanen. Heute zeigen laut Kaltmeier Analysen wie der Oxfam-Report ähnliche Strukturen, nämlich „dass 1 Prozent der Weltbevölkerung genauso viel Reichtum besitzt wie 99 Prozent der restlichen Weltbevölkerung.“ Daraus entstehe eine undemokratische Abhängigkeit, in der sozialer Aufstieg unwahrscheinlicher werde.

Die Direktorin und der Direktor des CALAS, Sarah Corona Berkin aus Mexiko und Olaf Kaltmeier, erhoffen sich von der gemeinsamen Krisenforschung, dass sie zur politischen Debatte in den lateinamerikanischen Ländern beiträgt und den transregionalen Austausch fördert. Foto: Olvia A. Maisterra Sierra

Denn dem milliardenschweren einen Prozent gehören die Häuser, in denen die restlichen 99 leben; außerdem ihr Land, die Medien, die sie zu Meinung und demokratischem Handeln befähigen sollen, ihr Wasser, ihre Drogen, ihre Kredite – und immer öfter ihre politische Repräsentation.

Dass Superreiche Regierungsämter erobern, kennen wir aus Europa durch Silvio Berlusconi (Italien), Petro Poroschenko (Ukraine) oder Andrej Babiš (Tschechien). In den USA ist hier Donald Trump zu nennen. Diese Prozesse gehen oft mit einer autoritären Verhärtung an der Spitze der politischen Macht einher.

„Damit verschwindet das urdemokratische Prinzip von Gleichheit“

In Lateinamerika wiederholt sich dieses Prinzip. Beispiel Chile: Hier ist seit zwei Jahren Milliardär Sebastián Piñera Präsident. Gewählt von Menschen, die lateinamerikaweit am meisten Privatschulden haben, sagt Kaltmeier. Problematischer könnte der soziale Gegensatz zwischen Volk und Repräsentant kaum sein. Für Kaltmeier verschwindet damit „das urdemokratische Prinzip von Gleichheit oder wie in Lateinamerika gesagt wird ‚equidad‘ – Chancengleichheit.“ Nach einer Untersuchung der Nichtregierungsorganisation Oxfam verstärkt sich dieses soziale Auseinanderdriften in der Corona-Pandemie. Zwischen März und Juni 2020 sei laut der Studie das Vermögen der lateinamerikanischen Geldaristokratie um 18 Prozent gestiegen, berichtet Kaltmeier. Dagegen sei gerade der informelle Sektor, in dem die unteren Schichten ihren Lebensunterhalt verdienen, massiv geschrumpft.

Mittelalterliche Abhängigkeiten paaren sich in lateinamerikanischen Staaten – ebenso wie in den USA – mit einem Rechtsruck. Beispiel Brasilien: 2018 wird der Rechtsextreme Jair Bolsonaro Präsident, ein Mann, der Frauen den gleichen Lohn wie Männern abspricht, der offen Homosexuelle diskriminiert, die Rechte von Indigenen beschneidet und mutmaßlich den Amazonaswald abbrennen lässt, um Rohstoffe und Ackerland zu gewinnen.

Weiß sein bedeutet reich sein – seit der Kolonialzeit

Kaltmeier interpretiert das als eine Art „Rache von Personen, die sich einer männlichen, weißen Elite zugehörig fühlen“ und soziale Errungenschaften zurückdrehen wollen. Dabei werde die Elite vom Aufstiegswunsch der Wähler*innen befeuert, denn „je weiter man aufsteigenmöchte, desto mehr scheint sich das Kriterium Weißsein durchzusetzen.“ Ein Kriterium, das sich seit der Kolonialzeit in Lateinamerika durchgezogen habe, so Kaltmeier.

Der Sozialwissenschaftler beobachtet aber auch ermutigende Prozesse, von denen andere Weltregionen lernen sollten. Zum Beispiel habe es die politische Debatte in Lateinamerika ermöglicht, eine diverse, plurikulturelle Gesellschaft verfassungsmäßig festzuschreiben. Und er erlebe dort eine lebendige, breite Zivilgesellschaft, die gegen Ungerechtigkeiten mobilisiere und in der Solidarität zum Alltag gehöre – trotz aller feudalen und rechten Tendenzen. „Mal ehrlich“, sagt Kaltmeier noch, „das würde ich mir für Deutschland auch mehr wünschen.“

Dieser Artikel ist eine Vorabveröffentlichung aus „BI.research“, dem Forschungsmagazin der Universität Bielefeld. Die neue Ausgabe des Magazins erscheint im Oktober 2020.