Universität erhält Graduiertenkolleg zu Geschlechterforschung

11.11.2020

Ein neues Graduiertenkolleg an der Universität Bielefeld soll die Geschlechterforschung fächerübergreifend weiterentwickeln. Welche Erfahrungen machen Menschen mit ihrem Geschlecht? Wie fühlt es sich an, ein bestimmtes Geschlecht sein zu müssen oder sein zu wollen? Und welche Bedeutung haben diese Erfahrungen für den Wandel von Geschlechterverhältnissen und von Lebensweisen als Frau, als Mann oder als ein anderes Geschlecht? Diesen und ähnlichen Fragen geht das Graduiertenkolleg ab Mai 2021 nach. Über zunächst viereinhalb Jahre forschen zehn Doktorand*innen und eine Postdoktorandin aus unterschiedlichen Disziplinen in der neuen Einrichtung. Der Name des Kollegs: „Geschlecht als Erfahrung. Konstitution und Transformation gesellschaftlicher Existenzweisen“. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat das Kolleg jetzt bewilligt und fördert es mit 3,8 Millionen Euro. Sprecherin ist die Geschlechtersoziologin Professorin Dr. Tomke König.

Die Geschlechtersoziologin Prof’in Dr. Tomke König leitet das neue Graduiertenkolleg „Geschlecht als Erfahrung“. Foto: Universität Bielefeld

Für das Graduiertenkolleg arbeiten zehn Wissenschaftler*innen aus sechs Disziplinen zusammen: American Studies, Germanistische Literaturwissenschaft, Gesundheitswissenschaften, Politikwissenschaft, Soziologie und Sportwissenschaft. „Wir erforschen, welche Erfahrungen Menschen mit Geschlecht machen, wie sich diese Erfahrungen in ihrem Körper niederschlagen und auch, wie körperliche Erfahrungen zu Widerstand und Protest führen können“, sagt Tomke König von der Fakultät für Soziologie. „Wie es sich anfühlt, eine Frau, ein Mann oder ein anderes Geschlecht zu sein, ist von den jeweiligen Erfahrungen der Menschen abhängig. Das Ziel des Kollegs ist es, ein präzises Vokabular zu entwickeln für das, was in der gegenwärtigen Ordnung der Geschlechter nicht gesagt, gedacht und gefühlt werden kann, sodass es auch für alle verständlich wird, die diese Erfahrungen nicht machen.“

Die Forschenden des Graduiertenkollegs verbinden ihre Analysen von Geschlecht als Erfahrung mit anderen Erfahrungsdimensionen. „Wie Menschen ein Geschlecht erleben und sich aneignen, das hängt mit einer Reihe von Dimensionen zusammen – zum Beispiel mit Klasse, Ethnizität, Staatsbürgerschaft, Sexualität, Gesundheit, Alter oder auch Religion“, erklärt König.

Zusammenführung gegensätzlicher Forschungsansätze

Mit dem Programm ihres Kollegs schlagen die Wissenschaftler*innen eine Brücke zwischen Forschungsansätzen, die Geschlecht einerseits als vorgegeben und andererseits als sozialisiert und anerzogen untersuchen. Die beiden Herangehensweisen werden in der Geschlechterforschung als essentialistische und dekonstruktivistische Ansätze unterschieden. Gemäß dem Essentialismus werden Menschen hauptsächlich oder überwiegend von ihrer biologischen Natur bestimmt und kaum von ihrer sozialen Umwelt. Der Dekonstruktivismus geht hingegen davon aus, dass Geschlechtsidentitäten und -rollen im sozialen Miteinander erlernt werden. So werden häufig unterschiedliche Verhaltensweisen bei weiblichen und männlichen Kindern und Erwachsenen gefördert: etwa, wenn einerseits aggressives Verhalten geduldet und andererseits selbstloses Verhalten eingefordert wird.

Nachwuchsforschende können sich bis Anfang des kommenden Jahres mit Dissertations- und Habilitationsthemen an dem Graduiertenkolleg bewerben. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht kommt zum Beispiel eine Dissertation in Frage, die untersucht, welche unterschiedlichen Verhaltenslehren Romane und Kurzgeschichten für weibliche und männliche Körper vorgeben und welche Körpererfahrungen die Autorinnen je nach Geschlecht schildern. Soziologisch kann es beispielsweise um Menschen in Machtpositionen gehen und darum, welche Denk-, Gefühls- und Handlungsweisen notwendig sind, um Macht auszuüben. Wie erleben sich Inhaber*innen von Machtpositionen selbst als Frau oder als Mann? Ein mögliches Forschungsthema aus der Gesundheitswissenschaft betrifft zum Beispiel vorzeitige Wechseljahre und wie diese sich darauf auswirken, wie Frauen ihre Weiblichkeit wahrnehmen und mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Alter zusammenbringen. Solche und ähnliche Themen will das Graduiertenkolleg im interdisziplinären Austausch bearbeiten und damit die Perspektive der Einzeldisziplinen überschreiten.

DFG fördert neue Kollegs mit rund 48 Millionen Euro

Das Kolleg ist eins von zehn neuen Graduiertenkollegs (GRK), die die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zur weiteren Stärkung des wissenschaftlichen Nachwuchses einrichtet. Die neuen GRK werden ab Frühjahr 2021 zunächst viereinhalb Jahre mit insgesamt rund 48 Millionen Euro gefördert. Nach der ersten Förderphase können die Kollegs eine Förderung für weitere viereinhalb Jahre beantragen. Graduiertenkollegs bieten Doktorand*innen die Möglichkeit, in einem strukturierten Forschungs- und Qualifizierungsprogramm auf hohem fachlichem Niveau zu promovieren. Aktuell fördert die DFG insgesamt 222 GRK, darunter 34 Internationale Graduiertenkollegs (IGK).

Langjährige Erfahrung in der Geschlechterforschung

Die Universität Bielefeld ist seit Jahrzehnten für ihre Geschlechterforschung bekannt. Das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung (IZG) an der Universität Bielefeld ist eines der ersten Zentren im deutschsprachigen Raum, das Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in den Mittelpunkt seiner Forschungen gestellt hat. Es ging aus der 1982 eingerichteten Interdisziplinären Forschungsgruppe Frauenforschung (IFF) hervor. Ebenfalls ein Beispiel für die Geschlechterforschung ist die neue ZiF-Forschungsgruppe am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld. Unter Leitung von drei Bielefelder Wissenschaftler*innen befasst sie sich seit Oktober mit weltweiten Anfechtungen von Frauen- und Geschlechterrechten.

Weitere Informationen:
Pressemitteilung der Deutschen Forschungsgemeinschaft: „DFG fördert zehn neue Graduiertenkollegs“
Website des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZG)