01.10.1968

Es wird konkret: Universität Bielefeld ernennt ersten Professor

Ein Jurist kommt nach Bielefeld, erhält einen Lehrstuhl an einer noch zu gründenden Universität und wird zu einem der größten Theoretiker der Soziologie. Am 1.10.1968 erhält Prof. Dr. Niklas Luhmann den Lehrstuhl für allgemeine Soziologie an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Er ist der erste ordentliche Professor der Universität Bielefeld und der ersten Fakultät für Soziologie der Bundesrepublik.

Niklas Luhmann, undatiert (ca. 1969).

Fotograf: Ed. Heidmann
Quelle: Universitätsarchiv Bielefeld, FOS 01612

Von Lüneburg über Harvard…

Niklas Luhmann wurde am 8.12.1927 in Lüneburg als ältester Sohn eines Brauereibesitzers geboren. Nach dem Krieg legte er das Abitur ab und studierte in Freiburg Rechtswissenschaft. Seine erste Anstellung führte ihn zurück nach Lüneburg an das dortige Oberverwaltungsgericht. Während dieser Zeit begann er mit dem Aufbau des Zettelkastens, in dem er seine Gedanken festhielt. Im Rahmen seiner Tätigkeit am Kultusministerium Niedersachsen bekam er die Gelegenheit, mit einem Stipendium nach Harvard zu gehen und Soziologie und Verwaltungswissenschaften zu studieren. Dort machte er die Bekanntschaft mit Talcott Parsons, dem Begründer des Strukturfunktionalismus, den Luhmann später in seiner eigenen Systemtheorie weiterentwickeln sollte.

Prof. Dr. Niklas Luhmann erläutert in zwei Minuten seine Systemtheorie. Ausschnitt aus einer Dokumentation des WDR.

Quelle: WDR, 1973

…nach Bielefeld

Zurück in Deutschland lehrte Niklas Luhmann zunächst an der Verwaltungshochschule Speyer. Mehrere bedeutende Forschende zeigten sich von seiner Arbeit beeindruckt, darunter der Soziologe Prof. Dr. Helmut Schelsky. 1965 holte Schelsky Luhmann zu sich nach Dortmund, an die Sozialforschungsstelle der Universität Münster. Als unter Schelskys maßgeblicher Beteiligung die Pläne für eine ostwestfälische Universität mit eigener Fakultät für Soziologie reiften, bat er Luhmann, ihm nach Bielefeld zu folgen. Um an der neuen Reformuniversität lehren zu können, promovierte und habilitierte Niklas Luhmann innerhalb weniger Monate. 1968 wurde er nach Bielefeld auf den Lehrstuhl für allgemeine Soziologie der Fakultät für Soziologie berufen, deren Charakter er bis heute mitgeprägt hat.

  • Prof. Dr. Niklas Luhmann, Prof. Dr. Helmut Schelsky und Prof. Dr. Dietrich Storbeck (v.l.n.r.) bei der ersten Fakultätskonferenz der Fakultät für Soziologie am 17.11.1969.

    Fotograf: Bernhard Preker
    Quelle: Universitätsarchiv Bielefeld, FOS 00235
  • Niklas Luhmann hält eine Ansprache anlässlich seiner Ernennung zum Ehrensenator der Universität Bielefeld am 23.10.1996.

    Fotograf: unbekannt
    Quelle: Universitätsarchiv Bielefeld, FOS 00690
  • Aufnahme des Zettelkastens aus der Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle.

    Fotograf: Ingo Bustorf
    Quelle: Kunsthalle Bielefeld

„Forschungsprojekt: Gesellschaftstheorie, Laufzeit: 30 Jahre, Kosten: keine“

Luhmanns Gesellschaftstheorie wurde sein Lebenswerk. Mit Hilfe seines Zettelkastens publizierte Niklas Luhmann über 400 Artikel und mehr als 50 Bücher. Er beobachtete die Gesellschaft mit leiser Ironie, interessierte sich für „globale Katastrophen und lokale Trivialitäten“. 1997 erklärte er in „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ das 24 Jahre zuvor begonnene Projekt „Gesellschaftstheorie“ für abgeschlossen. Ein Jahr später verstarb Niklas Luhmann im Alter von 70 Jahren. Sein Nachlass wird heute an der Universität Bielefeld erschlossen und erforscht. Aus dem Nachlass werden bis heute unveröffentlichte Texte Luhmanns publiziert.