20.01.1965

Helmut Schelsky erhält Planungsauftrag für eine „Universität im ostwestfälischen Raum“

Universitäten in Bochum, Dortmund, Düsseldorf – und nun OWL: Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen beschließt, eine weitere Landesuniversität in Ostwestfalen zu errichten. Der nordrhein-westfälische Kultusminister Paul Mikat beauftragt den Münsteraner Soziologen Prof. Dr. Helmut Schelsky mit der Planung einer „Universität im ostwestfälischen Raum“.

Prof. Dr. Helmut Schelsky (1912-1984), einer der einflussreichsten Soziologen der Bonner Republik, Professor für Soziologie in Hamburg, Münster und Bielefeld. In den 1960er Jahren leitete er die Sozialforschungsstelle in Dortmund und widmete sich der Planung und dem Aufbau der Universität Bielefeld und des Zentrums für interdisziplinäre Forschung der Universität. Zunehmend frustriert von der Wirkung der „68er“ und enttäuscht von der Entwicklung der Universität Bielefeld zog er sich schon bald von seiner Hochschulplanung zurück.

Fotograf: Günter Rudolf
Quelle: Universitätsarchiv Bielefeld

Der Veröffentlichung des Planungsauftrags in der Presse waren intensive Gespräche zwischen Mikat bzw. Ministeriumsvertretern und Schelsky vorausgegangen. Schelsky, einer der wirkungsvollsten Soziologen der Bundesrepublik und „Stichwortgeber des Zeitgeistes“ (Ludolf Hermann) hatte sich in den 1960er Jahren verstärkt bildungspolitischen Themen und der Reform des deutschen Hochschulwesens zugewandt. Einem längeren programmatischen Artikel in der FAZ („Wie gründet man Universitäten? Konstruktives und Kritisches zu den Hochschulgründungen in Westdeutschland“) folgte 1963 die Monographie „Einsamkeit und Freiheit – Idee und Gestalt der deutschen Universität und ihrer Reformen“.

  • Prof. Dr. Paul Mikat (1924-2011), Professor für Bürgerliches Recht, Rechtsgeschichte und Kirchenrecht in Würzburg und ab 1965 in Bochum, von 1962 bis 1966 Kultusminister von Nordrhein-Westfalen und später CDU-Landtags- und Bundestagsabgeordneter (Aufnahme von 1966)

    Fotograf: unbekannt
    Quelle: Universitätsarchiv Bielefeld, FOS 01861.
  • Titelblatt des 1966 erschienenen Schrift von Paul Mikat und Helmut Schelsky „Grundzüge einer neuen Universität. Zur Planung einer Hochschulgründung in Ostwestfalen“, in der Schelsky auch das Zustandekommen des Planungsauftrags schildert.
  • Titelblatt von Helmut Schelskys „Einsamkeit und Freiheit“ (1963). Das Werk, zusammen mit programmatischen Beiträgen in überregionalen Zeitungen, machte Mikat wohl auf Schelsky aufmerksam.

Freie Hand für Schelsky
Als Mikat ihn am 20. Januar 1965 privat auf eine Universität in Ostwestfalen ansprach und ihm kurze Zeit später den Vorsitz eines Gründungsausschusses anbot, konnte Schelsky kein fertiges Konzept aus der Tasche ziehen. Nun war er gezwungen seinen theoretischen Überlegungen eine aussagekräftige und in die Praxis übertragbare Universitätskonzeption folgen zu lassen. Lediglich zwei knapp gehaltene Skizzen („Grundzüge zu einer Hochschulgründung in Ost-Westfalen“ und „Grundzüge einer neuen Universität“) sowie ein weiteres persönliches Gespräch am 26. Februar schienen Mikat überzeugt zu haben. In seiner Terminliste notiert Schelsky unter diesem Datum: „Volle Zustimmung von Mikat. Gibt mir freie Hand. Planungsauftrag verabredet“. Die vom Ministerium vorbereitete Liste eines Gründungsausschusses blieb in der Schublade und Schelsky begann mit von ihm benannten Personen und – außergewöhnlich für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts – weitgehend selbständig „seine“ Hochschulplanung.