„Spannungsfeld Rechtspopulismus und Geschlecht: Es steht viel auf dem Spiel“

19.11.2018

Rechtspopulismus und Geschlecht sind eng miteinander verflochten und polarisieren einander. Professorin Dr. Julia Roth widmet sich beiden Themen in ihrer Forschung an der Universität Bielefeld. Gemeinsam mit Professorin Dr. Tomke König (ebenfalls Universität Bielefeld) und Privatdozentin Dr. Gabriele Dietze (Humboldt-Universität zu Berlin) leitet sie vom 22. bis 24. November die Tagung „Rechtspopulismus und Geschlecht“ am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF).

Ist der Rechtspopulismus eine Herausforderung für Gendergerechtigkeit?

Rechtspopulistische Akteurinnen und Akteure verfolgen einerseits meistens eine konservative Geschlechterpolitik. Sie wollen die heterosexuelle Kleinfamilie als Norm erhalten und rechtlich privilegieren und mobilisieren gegen Geschlechtervielfalt und Gleichstellungspolitik. Sie fördern Frauen als Vollzeitmütter und setzen sich gegen Schwangerschaftsabbrüche und die gleichgeschlechtliche Ehe ein. Darüber hinaus prangern viele rechtspopulistische Akteurinnen und Akteure die Gender Studies als „Ideologie“ an und sprechen ihnen die Legitimität als Wissenschaft ab, da sie angeblich die Geschlechter auflösen und Kinder zur Homosexualität ermutigen wollen. Da steht gerade sehr viel auf dem Spiel.

In der Beschreibung der Tagung ist von Paradoxien die Rede. Welche meinen Sie?

Paradox erscheint in Hinblick auf einige europäische rechtspopulistische Parteien, dass sie trotz konservativem Frauen- und Familienbild von immer mehr Frauen gewählt werden. Außerdem finden wir an der Spitze oder zumindest in sichtbaren Positionen vieler Parteien Frauen – man denke etwa an Marine Le Pen in Frankreich oder an Frauke Petry, Beatrice von Storch oder Alice Weidel in derAfD hier in Deutschland. Dadurch können sich diese Parteien als modern und emanzipiert präsentieren. Was dazu kommt, ist, dass viele rechtspopulistische Akteurinnen und Akteure vermeintlich feministische oder gendergerechte Ziele verfolgen, indem sie sich zum Beispiel für die Freiheit und Rechte von Frauen stark machen. Das Paradox daran ist, dass es dabei meistens gar nicht um die eigentlichen Rechte geht. Vielmehr werden über augenscheinliche „Gender-Themen“ häufig rassistische Politiken propagiert. Denn es gilt, nicht alle Frauen, sondern weiße deutsche Frauen – die für die Reproduktion der entsprechenden Vorstellung von „Nation“ so wichtig sind – vor migrantischen, meist muslimischen Männern zu schützen, die somit automatisch pauschal kriminalisiert werden. Auf diese Weise kann sich die deutsche „Mehrheitsgesellschaft“ als „zu Ende emanzipiert“ präsentieren, wie Gabriele Dietze sagt, und damit als fortschrittlich und überlegen. Als gäbe es in „unserer“ Gesellschaft keine Gewalt gegen Frauen und andere Marginalisierte, diese würde viel mehr durchMigration „importiert“. Die Debatte um die sogenannte Kölner Silvesternacht hat das sehr deutlich gezeigt. 

Was ist das Ziel der Tagung?

Ziel des Workshops ist es zum einen, eben diese Paradoxien zu thematisieren. Wir wollen zeigen, wie „Geschlecht“ Rechtspopulisten als eine Art Arena oder Metasprache dient, innerhalb derer Themen wie Flüchtlingsabwehr, Demographie, oder die Bedrohung von Geschlechter-Antagonismen und hegemonialer weißer Männlichkeitsbilder ausgehandelt werden. Die Kategorie „Geschlecht“ scheint hier besonderes analytisches Potenzial zu haben, da diese Kategorie alle irgendwie betrifft und darüber an Alltagserfahrungen angeknüpft werden kann. Auf der anderen Seite wollen wir über mögliche Gegenstrategien nachdenken. Dafür haben wir den Roundtable am 22. November mit Aktivistinnen aus Theater, Journalismus Medien und der Stiftungsarbeit eingeladen. Mit ihnen wollen wir diskutieren, welche Möglichkeiten sogenannte „intersektionale“ – also anti-rassistische und vielschichtige feministische – Positionen bieten, um den gegenwärtigen rechtspopulistischen Tendenzen etwas entgegen zu setzen.

Julia Roth ist seit Oktober 2018 Professorin für American Studies mit Schwerpunkt Gender Studies an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft. Bisher forschte sie an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin und im Forschungsnetzwerk The Americas as Space of Entanglements an der Universität Bielefeld, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Ihre Forschung führte sie unter anderem in die USA, nach Kuba und Nigeria.

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