Flüchtlingsgesundheit als Vergrößerungsglas für Ungleichheiten

05.07.2019
von Jörg Heeren
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Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert mit rund drei Millionen Euro eine Forschungsgruppe an der Universität Bielefeld, die gesundheitliche Ungleichheiten am Beispiel der Gesundheit Geflüchteter untersucht. Ihre Erkenntnisse sollen helfen, das Gesundheitssystem auch für andere benachteiligte Gruppen zu verbessern. Sprecher der Gruppe ist Professor Dr. Oliver Razum, sein Vertreter Professor Dr. Kayvan Bozorgmehr, beide von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften.

„Fluchtmigration und die sich daraus ergebenden Herausforderungen für die gesundheitliche Versorgung Geflüchteter werden oft als Ausnahmeerscheinung gesehen“, sagt Oliver Razum, Professor für Epidemiologie und International Public Health. „Das ist eine verpasste Chance. Denn angesichts der gesellschaftlichen Vielfalt in Deutschland können wir aus diesen Herausforderungen wie unter einem Vergrößerungsglas auch vieles für eine bessere Versorgung anderer Bevölkerungsgruppen lernen. Letztlich helfen wir damit allen Menschen in Deutschland.“

Prof. Oliver Razum leitet die neue Forschungsgruppe zu gesundheitlicher Ungleichheit.

Die neue Forschungsgruppe heißt: „Fluchtmigration nach Deutschland: ein Vergrößerungsglas für umfassendere Herausforderungen im Bereich Public Health”. Razum und Bozorgmehr werden künftig mit neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern diversitätsbezogene Herausforderungen an das Gesundheitssystem sowie kleinräumige Einflüsse auf die Gesundheit, etwa durch eine ungünstige Wohnsituation, untersuchen.  „Gesundheitliche Ungleichheiten können vom Gesundheitssystem selbst ausgehen, wenn zum Beispiel der Zugang zu notwendigen Behandlungen verwehrt werden“, sagt Bozorgmehr, Professor für Bevölkerungsmedizin und Versorgungsforschung. „Sie hängen aber auch mit kontextuellen Einflüssen zusammen, zum Beispiel der Unterbringung und den umliegenden Versorgungsstrukturen.“ 
Razum ergänzt: „Wir achten besonders darauf, wie bestimmte Gruppen als ,anders‘ definiert und dadurch benachteiligt werden. Das betrifft natürlich keineswegs nur Geflüchtete. Bei dieser Gruppe ist die gesellschaftliche Ablehnung allerdings oft besonders stark ausgeprägt.“

Die neue Forschungsgruppe will untersuchen, wie auf Basis von Kategorienbildung und sozialen Zuschreibungen gesundheitliche Ungleichheiten entstehen oder verstärkt werden. Nach der Analyse schlägt die Gruppe Konzepte und Strategien zur Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheiten vor.

An der Forschungsgruppe sind drei weitere Forscherinnen und Forscher von der Universität Bielefeld beteiligt: Privatdozentin Dr. Odile Sauzet von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Professor Dr. Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung und Professor Dr. Frank Neuner von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft. Weitere Projektpartner sind das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die Alice Salomon Hochschule Berlin, die Charité Universitätsmedizin Berlin, das Universitätsklinikum Heidelberg, die Ludwig-Maximilians-Universität München und die Technische Universität Dresden.

Oliver Razum und Kayvan Bozorgmehr sind Experten für die Gesundheit von Geflüchteten und Migranten. So veröffentlichte ein von Razum geleitetes Projekt im Juni 2018 eine Online-Datenbank mit repräsentativen Studien und Statistiken zur gesundheitlichen Lage von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.

Die von der DFG geförderten Forschungsgruppen sind enge Arbeitsbündnisse mehrerer herausragender Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die gemeinsam eine Forschungsaufgabe bearbeiten. In diesem Jahr fördert die DFG erstmals drei Forschungsgruppen zu Public Health (Bevölkerungsgesundheit), darunter die Gruppe an der Universität Bielefeld. Forschungsgruppen tragen häufig dazu bei, neue Arbeitsrichtungen zu etablieren. Die DFG fördert die Forschungsgruppen maximal zweimal drei Jahre.